So, ich mal wieder, ist ja schon wieder ein wenig her seit dem letzten Eintrag. Ich versuch gerade die letzten Wochen in meinem Kopf zu ordnen, gelingt aber grad nur mäßig. Naja, vielleicht kommts mit dem Schreiben. Zunächstmal ist die größte Veränderung die, dass ich jetzt vorerst mal allein wohne, zum ersten Mal in meinem Leben, wie mir neulich aufgefallen ist. Einar ist wieder in Deutschland und treibt dort sein Unwesen, Britt bereist noch etwas das Land, bevor sie auch die Zelte gänzlich abbricht und schaut nur noch sporadisch mal rein.
Der Salon zeigt unerwartete Partyqualitäten
Am 10.1. feierten wir hier bei uns Einars und Michels Geburtstag. Nach dem Sylvesterdebakel gab es bei den Veranstaltern und Bewohnern gewisse Befürchtungen, die sich aber nicht bewahrheiteten. Die Party war rauschend und berauschend zugleich, das Krasseste war wohl der ungeahnte Frauenanteil, bei einer Zählung irgendwann vor Mitternacht kam man auf ein Verhältnis von 19:5, yeah! Ängste vor wütenden Nachbarn oder bestechungsgeilen Moralwächtern waren glücklicherweise unbegründet, lief alles reibungslos, außer dass meine tolle Box für unterwegs ein bisschen was abbekommen hat, da irgendeine Expertin ihr Getränk über den Techniktisch geleert hat. Ach so, Fotos von diesem Ereignis und anderen schönen Dingen gibt’s dann demnächst enshallah bei kaioo.
Ab in den Süden…
…hieß es dann vor gut einer Woche nochmals. Um der anhaltenden grauen Teheraner Matschkälte einmal mehr zu entfliehen beschlossen wir, Simon, Claudia, Agnes und ich, da weiterzumachen, wo zumindest Simon und ich kürzlich stehen geblieben waren, nämlich beim Bereisen des Persischen Golfes, bzw. der Küste zum Indischen Ozean. Eigentlich wollte ich ganz woanders, so Richtung Türkei, hingefahren sein, aber Gerüchte von Temperaturen um -20 Grad ließen mich dann davon Abstand nehmen. Naja, ich werd euch jetzt mal nicht zu sehr mit Städtenamen bombardieren, die eh niemandem was sagen, aber wir haben uns in erster Linie auf zwei Inseln namens Hormuz und Qeshm rumgetrieben. Zunächst mal zu Hormuz, die Insel liegt – Überraschung – an der Straße von Hormuz, durch die ein großer Teil – Hobbygeostrategen liefern bitte die Zahlen nach – des Erdöls vom Golf in alle Welt geliefert wird. Naja, Hormuz ist auf jeden Fall der Burner, die Leute sind da einfach n u r am Auschillen. Und wahrscheinlich haben die seit Jahren keine AusländerInnen mehr gesehen, aber abgesehen von einigen Kiddies ist ihnen das auch mal völlig egal. Da chillt man doch lieber am Strand oder sitzt halt einfach nur irgendwo rum, umgeben von den zahlreichen Ziegen, die zwar etwas streng riechen, aber anscheinend auch Bürgerrechte genießen. Ein paar Leute waren gerade am Fischen, aber das wurde auch betont locker angegangen.
Naja, da waren wir aber nur ein paar Stunden, danach sind wir zu unserem Hauptziel nach Qeshm übergesetzt. Der Lonely Planet nennt diese Insel poor man´s Kish, die aufmerksame Leserin erinnert sich vielleicht noch, auf der Insel war ich irgendwann im Dezember mal. Dort angekommen machte der ganze Laden eigentlich zunächst nen ganz soliden Eindruck, Probleme gabs dann aber bei der Unterbringung, aus unerklärlichen Gründen war einfach alles voll. Unser kundiger, einheimischer Taxifahrer konnte dann Licht ins Dunkel bringen, die Hotels waren alle wegen dem iranischen Neujahrsfest in sieben Wochen ausgebucht. Dieser Zusammenhang erschloss sich uns zunächst nicht, mit der Zeit wurde aber klar: Die ganzen Psychoiraner fahren sieben Wochen vorm Neujahrsfest nach Qeshm, um sich dort mit Geschenken einzudecken. Auf spätere Nachfrage hin erfuhren wir dann übrigens, dass es dort eigentlich nichts Besonderes zu kaufen gibt, nur sind dort die gefälschten chinesischen Sachen angeblich etwas billiger. So sah man dann auch ständig Leute, die mit ihren acht Säcken, Kisten und Koffern voller Spitzengeschenke irgendwie Assoziationen zu diesem unsäglichen „Gute Heimreise“-Plakat von der NPD weckten.
Nun gut, nach diversen Fehlschlägen wurden wir dann zu einer Witwe gekarrt, in deren Haus wir dann wohnten, sie ging für die drei Tage nach nebenan zu ihrer Schwiegermutter. Und so bekamen wir dann mal einen Einblick in so ein südiranisches Familienleben: Die Frau, Fateme, ist mit 21 verwitwet und hatte zu dem Zeitpunkt schon drei Kinder. Als Witwe und dann auch noch mit drei Töchtern, hat sie dort eigentlich keine Chance, wieder eine Ehe einzugehen. Die älteste Tochter ist 17, verheiratet und hat ein Kind, die nächste ist fünfzehn, verlobt und wird in zwei Jahren ihren sechs Jahre älteren Cousin heiraten. Das ist natürlich ganz, ganz schlimm, aber die haben sich zumindest äußerlich nicht anmerken lassen, dass sie das stören würde. Sie kennen wahrscheinlich auch nichts anderes und fanden uns unverheiratete Mittzwanziger vermutlich genauso strange wie wir sie.
Naja, ansonsten ist Qeshm staubig, zerklüftet und von zerfallenen kleinen Städtchen durchsetzt. War interessant und hat Spaß gemacht, aber ist schon eher Iran für Fortgeschrittene. Einen Tag lang sind wir dann halt immer per Anhalter, oft auf der Ladefläche von Pick-ups über die Insel getourt und haben uns etwas umgeschaut und sogar ein einsames Plätzchen zum Baden gefunden.
„Gerechtigkeit ist das wichtigste Bedürfnis der Menschheit“ (Regierungsplakat in Teheran)
So, und nun mal ein gewaltiger Themensprung hin zur Politik, diese beschäftigt mich nämlich gerade sehr. Irgendwie ist das alles sehr unwirklich. Ich sitze hier in meinem Zimmer, lese viel über Wertkritik und Queer Studies und um mich herum geschieht sonst was. Dieses Jahr sind schon zig Menschen hingerichtet worden, manche davon in einem berüchtigten Gefängnis, das vielleicht fünf Kilometer von mir entfernt ist. Wenn ich mich aber nicht im Internet auf deutschen und amerikanischen Seiten darüber kundig machen würde, hätte ich davon keinen Schimmer. Das einzige was ich wirklich direkt mirbekomme sind diese Vögel, die Frauen wegen ihrer Kleidung einsacken und das ist im Vergleich zu Hinrichtungen natürlich gar nichts. Vor einigen Wochen gab es eine StudentInnendemo, davon hab ich auch erst nachträglich im Internet erfahren. 30 Leute sitzen jetzt noch im Knast, teilweise haben ihre Angehörigen keine Ahnung, wo sie sind und wie es ihnen geht. Ein Jurastudent ist gestorben, vermutlich in Folge von Folter, der wurde schnellstmöglich ohne Benachrichtigung der Verwandten beigesetzt und die konnten sich dann den Totenschein abholen. Folgendes Zitat aus einer auf der Demo gehaltenen Rede möchte ich euch nicht vorenthalten:
„Heute zeigt sich der Faschismus im Gewand der Religion. Wir spüren die Stiefel der Faschisten auf unseren Kehlen. Aber die Herrschenden täuschen sich. Es wird ihnen nicht gelingen, unseren Widerstand zu brechen.“
Das Problem ist nur, dass der Widerstand in der Breite längst gebrochen ist und das seit Mitte der 80er Jahre als nach der Revolution die verschiedenen an selbiger beteiligten Gruppen nach und nach von der Khomeini-Clique per Massenmord aus dem Weg geräumt wurden. Seitdem ist der Preis, der für wirklichen Widerstand gezahlt werden muss, zumindest umrissen. Ich hab in Deutschland soviel von der iranischen Zivilgesellschaft gelesen, von NGOs, die insgeheim subversive Arbeit betreiben würden. Vielleicht sind sie da, aber ich sehe sie nicht, klar, ich bin hier natürlich nicht voll drinnen, aber die meisten Leute hier haben von den Organisationen, die ich ihnen nenne, noch nie etwas gehört. Hier herrscht im Wesentlichen Resignation und innere oder auch wirkliche Emigration. Ich steh grad etwas ratlos vor der Frage, wie sich denn hier mal was ändern soll, also zum Positiven, das es noch schlechter geht, wird hier ja ständig unter Beweis gestellt.
Bald sind Parlamentswahlen, bisher sind 2.000 reformorientierte Kandidaten ausgeschlossen worden. In einigen Fällen sind Mullas – die sind auch eine heterogene Gruppe und nicht alle faschistoid, wie es der Begriff „Mullastaat“ suggeriert – nicht zugelassen worden, weil sie unislamisch seien. Auf die Frage, wie denn ein Geistlicher irreligiös sein könne wurde geantwortet: In diesem Land wird kein Unterschied zwischen Geistlichen und Nicht-Geistlichen gemacht. Wenn das nicht so traurig wäre, könnte man schallend darüber lachen. Das Spektrum, das zur Wahl steht, ist ein Witz, man kann entweder radikal-vulgär-islamistisch wählen – also die jetzige Regierung – oder die Reformer, Gemäßigten, Pragmatiker oder wie man sie nennen will. Da kauft man aber auch die Katze im Sack, denn mittlerweile ist auch Herr Rafsanjani Teil dieses Bündnisses, einer der reichsten und einflussreichsten Männer des Landes, der sich in der Vergangenheit auch gern mal durch Auftragsmorde zu profilieren wusste. Und so sehr ich den Leuten hier auch eine etwas gemäßigtere Regierung wünschen würde, die zum Beispiel nicht – wie vor zwei Wochen geschehen – eines der wichtigsten feministischen Magazine verbietet, weil es ein zu düsteres Bild des Iran zeichne, so muss man doch auch einfach erkennen, dass die Reformer von 1997-2005 „regiert“ haben und gescheitert sind. Dieses System mit seinen islamischen und islamistischen Dogmen und seinen undemokratischen Machtzentren – Expertenrat, Revolutionsführer, Wächterrat, Stiftungen, Basiji, Pasdaran,… - ist nicht reformierbar, die Brutalität des Systems lässt sich höchstens graduell eindämmen. „Regiert“ daher auch in Anführungszeichen, die gewählten Vertreter müssen permanent gegen diese Zentren anregieren und sich ihnen oftmals beugen.
Klingt düster, ist es auch. Ich würd mich über Rückmeldungen freuen, ob euch dieses politische Zeugs interessiert, also wollt ihr lieber lesen, wie ich betrunken irgendwo reinfall oder wie irgendwelche Leute gehängt werden?
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10 Kommentare:
hallo,
rüchmeldung: der eintrag ist ne perfekte mischung von resignation und party, also weiter so!
d
das wollt ich auch sagen, die mischung ist gut, also bitte weder noch weglassen...!:-)
liebe grüße übrigens!
hallo ulf,
wegen mir kannst du auch über dein genitalherbes schreiben, ich lese alles gerne.
Nee, im Ernst, schreib mal über politisches, denn sonst bekommt man, wie du ja richitg schon geschrieben hast wenig mit! Würde mich zu einem Statement zum Thema US-Invasion (Chancen/Risiken) freuen, wenn du dich dazu in der Lage fühlst!
Lieben Gruß und hoffentlich bald wieder im skyoe
flo
Hi.
Ich find' deinen Blog, der einem den Iran schon ein großes Stück näher bringt als es die Medien tun, richtig gut und auch teilweise die Mentalität der Durchschnittsperser durchscheinen lässt. Bitte unbedingt weiter so, und ich finde, du kannst die Mischung, so lange sie dich nicht selber zu sehr deprimiert, gerne beibehalten.
@flo: Soll er da jetzt Militärspionage betreiben? ;o)
Mal im Ernst: Ich hoffe, es kommt nicht zu einer Invasion. Das würde wohl ziemlich übel ausgehen, allermindestens für die Zivilbevölkerung. Und ob die dann danach so dankbar ist, dass man dann quasi den Teufel mit dem Beelzebub (bzw. diesen mit dem Mephistopheles o. ä., will sagen, einer eventuellen Unterversorgung/Destabilisierung/Spaltung des Landes nach dem Krieg) ausgetrieben hat, muss ich bezweifeln. Ich glaube, da kann man nur hoffen, dass die Iraner das Problem der Regierung selber in den Griff bekommen. Natürlich wird es lange dauern und die Leute werden weiterhin ihr Doppelleben führen oder sogar um ihr Leben fürchten müssen, aber wenn sich Kräfte von außen einmischen, bekommen die wahren Übeltäter vermutlich mal wieder fast am wenigsten ab.
Viele Grüße
corenc
ich will das hören was dich beschäftigt natürlich!
jawohl!!!
und ich mag schneeee~~~
Ne, Ulf, lass den politischen Teil lieber drin. Wenn's nach mir ginge auch gerne mehr davon: folgst du auch ein wenig der lokalen "presse"? und wiesst du schon, ob du noch bei einer NGO arbeiten kannst, bevor du wieder zurueckkommst? Dann koenntest du deren Einfluss nochmal aus einer anderen Perspektive beurteilen.
Liebe Gruesse und pass auf dich auf!
Anna
Frustration, Agression...wütend macht es! Es ist doch ganz gut hier ein paar Zeilen vonner Front zu lesen...und nicht mediengefilterte Semi-Realitäten! Wenn gleich man sich in seinem Hirne fragt, wie es weiter gehen soll...? Grüße aus Hamburch!
toll. ein wunschkonzertblog also ich h�tte gerne ne mittlere schinken mozzarella peperoni, mild. mit extra k�se und dass der pizzajunge ulf brennecke ist und sie direkt hier abliefert mit schublade auf dem kopf und einiges drinne, was man in einem l�ngeren abend mit allem pipapo mitgeteiltbekommt...
ach und ulf. auch hier ist die welt nicht zu verstehen: hamburg wird schwarz-gr�n.
hau rein
henning
hervorzuheben waere noch: 5:19 Frauen und wer macht die box kaputt? ...;-)
Hallo Ulf, ich habe Deinen Blog in den letzten Monaten immer mal wieder gelesen und fand meine eigenen Eindrücke aus diversen Iran Reisen der$ vergangenen Monate perfekt bestätigt. Du denkst scharf und schreibst tacheles. Wenn ich es richtig verstanden habe studierst Du Politik!? Wie schätzt Du die derzeige innenpolitische Lage ein? Wer demonstriert dort eigentlich? Ist das ein wirklich ein repräsentativer Querschnitt der Gesellschaft, oder sind das wohlbehütete Jugendliche aus den Nord-Teheraner Stadtteilen denen das Schaulaufen mit ihren übergrossen Pornobrillen zu langweilig geworden ist? Das die Wahlen nicht ganz koscher gelaufen sind ist wohl klar, aber hätte Mahmood nicht eventuell auch in einer genau abgezählten Wahl gewonnen?
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