Sonntag, 27. April 2008
Iranische (Un)Sitten
„Das gibt’s so nur hier!“ Möchtegerntouristik am Kaspischen Meer
Letztes Wochenende hat es mich zusammen mit Paddy und einer ebenfalls englischen Freundin von ihm ans Kaspische Meer verschlagen. War alles nicht so einfach, weil ich innerhalb von einer Woche zwei Kopien meines Passes verschlampt hab, was im Übrigen das mühsam erschleimte gute Verhältnis zum allseits gefürchteten Institutsdirektor durchaus verschlechtern könnte. Aber ich mach auf low profile und bisher gab’s noch keine Beschwerden.
Wie dem auch sei, wir waren in Chalus und Rasht, zwei größeren Städten am westlicheren Abschnitt des Kaspischen Meeres. An beiden Orten stellte sich relativ schnell heraus, dass die Stadt selber nicht viel hergibt, daher sind wir dann im Umland rumgetourt und das hat sich sehr gelohnt. Phasenweise fühlte ich mich schon fast wie zuhause: Dorf, viel Grün, nicht viel los, alles flach, Kühe und Regen.
Die Orte, die es eigentlich zu besichtigen galt, waren eher mäßig, weil überlaufen und widerlich künstlich, aber auf so was haben die Leute hier halt größtenteils bock. Einmal wurden wir von unserem Taxifahrer und Vermieter in Personalunion zu einem Wald gefahren, der von ihm mit den in der Überschrift genannten Worten beschrieben wurde. Nun, ich war das erste Mal seit einem halben Jahr in einem Wald und hab es sehr genossen, aber es war halt dann doch einfach nur ein ganz normaler Wald, den man so auch in Tornesch findet. Die meisten Touris, die ans Kaspische Meer fahren sind halt Araber oder Teheraner, kein Wunder also das ein wenig ordinärer Wald und etwas Regen zu einer Riesensache aufgeblasen werden können. Und die Strände – wenn man sie so nennen möchte – sind auch ziemlich katastrophal, weil einfach nur brutal zugemüllt. Naher Osten halt.
Die Eingeborenen und ich
Jüngst viel mir auf, dass es hier eigentlich eine ganze Menge Sachen gibt, die sich sehr von Deutschland unterscheiden, die ich aber teilweise schon als normal wahrnehme. Vieles davon ist hier glaube ich noch nicht beschrieben worden, das will ich dann jetzt mal nachholen, dabei soll es vor allem um ganz alltägliche Verhaltensweisen gehen. Also, einfach mal ungeordnet drauf los:
Die Leute schmeißen ihren Müll hin, wo sie gehen und stehen. Also wirklich überall, ins Meer, anderen vor die Füße oder aus dem Auto raus. Ökologisch gesehen ist das ziemlich egal, weil hier eh nichts recycelt wird, es zeugt aber von einer unglaublichen Ignoranz gegenüber den zahlreichen Straßenkehrern, die das Zeug dann aufkehren dürfen. Die sind fast alle afghanischer oder zentral-asiatischer Herkunft und verdienen lächerlich wenig, aber auch das wird hier als natürlich vorausgesetzt, weil es sich mit dem vorherrschenden Chauvinismus natürlich gut verträgt.
Gerade als Mann wird man ständig von anderen Männern berührt, auch wenn man sie nicht kennt. Bei manchen Leuten hat man wirklich ständig eine Hand am Körper, die einen irgendwie nett gemeint begrabbelt. Das ist mir am Anfang echt richtig auf die Nerven gegangen, aber ich hab mich mittlerweile weitestgehend dran gewöhnt. Männer, die Hand in Hand laufen sieht man auch des Öfteren. Man(n) verabschiedet sich von guten Freunden auch gern per Wangenkuss, auch daran hab ich mich gewöhnt. In Kerman kam es dann aber doch zu vergewaltigungsartigen Szenen, als mich die komplette männliche Hälfte einer großen Familie per Kuss verabschiedete – meist auf den Mund.
Teheran ist bekanntermaßen völlig überfüllt. Umso schlimmer, dass die meisten Leute hier Langsamgeher und Imwegrumsteher übelster couleur sind. Manche Leute laufen auch einfach im Zick-Zack oder torkeln permanent. Am schlimmsten sind aber alte Frauen im Chador, wenn drei davon nebeneinander gehen, ist der Bürgersteig dicht und man traut sich natürlich auch nicht, die anzurempeln oder so.
Die IranerInnen stellen in punkto Smalltalk selbst deutsche Hausfrauen, die sich übers Wetter unterhalten, in den Schatten. Wetter, Verkehr und Familie sind die Themen, in dieser Reihenfolge. Man erzählt sich, wie schlimm der Verkehr doch heute war, als ob der/die Gegenüber das nicht selber wüsste. Und man wirft sich auch dreimal hintereinander identische Sätze an den Kopf, ohne das seltsam zu finden.
Die im Tarof-Wesen informell kodifizierte, bis ins Lächerliche gesteigerte (Pseudo-)Höflichkeit ist wahrscheinlich vielen ein Begriff, darüber allein ließe sich ein Buch schreiben. Eines der witzigsten daraus resultierenden Phänomene ist, dass sich vor Türen öfter Trauben von Leuten bilden, weil man ja den anderen vorlassen muss und in der Folge gar nichts mehr geht.
Als Ausländer lenkt man grade in der Provinz große Aufmerksamkeit auf sich. Menschen, die nur an einem vorbeigehen, fragen, woher man kommt, ohne die Antwort dann irgendwie zu kommentieren. Ich frage mich, was nützt ihnen das Wissen über die Nationalität eines Vorbeigehenden bei der Bewältigung ihres Lebens? Naja, wahrscheinlich können sie dann abends beim Schwätzchen mit dem Nachbarn mal das Wetter überspringen und stattdessen von ihrer phänomenalen Begegnung mit dem Ausländer berichten. Ansonsten beißen sich Iraner, die sich mit einem unterhalten wollen, oft einfach brutalst fest. Selbst unsubtilste Gesten, dass man doch jetzt auch gern mal seine Ruhe hätte, helfen dann nicht weiter, man muss einfach hoffen, dass man auf Dauer langweilig wird.
Das war jetzt mal eine natürlich nicht annähernd vollständige und erschreckenderweise sehr unschöne Liste, ich werd das wohl irgendwann mal fortsetzen.
„Denk ich an die Arbeiter, bin ich nur noch bestürzt.“
Ich bewege mich hier wie auch in Deutschland fast ausschließlich in Kreisen von Leuten, die studieren oder das mal getan haben. Klar, man ist im selben Alter und hat auch einfach mehr Gesprächsthemen, trotzdem ist das natürlich schade, weil man nur einen kleinen Ausschnitt der sozialen Realität vor Augen geführt bekommt. Ich hab über die Monate in den Zeitungen ne Menge gelesen und grad vor ein paar Tagen hab ich mal über das Thema ArbeiterInnen(-Bewegung) und Gewerkschaften im Internet recherchiert.
Mit Zahlen und Statistiken ist das hier immer so ne Sache, weil jeder Hinz und Kuntz seine eigenen rausgibt und eventuell so verändert, wie er sie haben möchte, nichtsdestotrotz: Ein/e Arbeiter(in) verdient im Durchschnitt wohl so 200 Euro im Monat. Mit zwei solchen Gehältern ließe sich zumindest im Süden Teherans noch einigermaßen leben, problematisch wird’s aber, wenn die Inflation – wie vergangenes Jahr – doppelt so hoch ist, wie die Lohnsteigerung. Gerade bei Grundnahrungsmitteln und Mieten gibt es teilweise extreme Preissteigerungen.
Arbeitslosigkeit ist wohl so zwischen 10 und 15 Prozent, aber es gibt eine hohe verdeckte Arbeitslosigkeit, weil viele Leute in einem Job nicht genug zum Leben verdienen. Arbeitslosengeld, Rente, Versicherungen, etc. gibt’s für die meisten nicht oder nur in lächerlichem Umfang. Ein großes Problem ist, dass Löhne oft sehr spät ausgezahlt werden, in Extremfällen auch gern mal anderthalb Jahre zu spät. Gut ist, dass die Leute zumindest in Teheran sehr chillig arbeiten, gerade im Einzelhandel gibt es hier meist zwei oder drei Leute für einen Job, den in Deutschland ein Mensch allein erledigen muss. Ich bezweifle stark, dass das in Fabriken auch so ist, ich war aber noch in keiner und weiß es letztlich nicht.
Es gibt hier so Pseudo-Gewerkschaften, die absolut unter staatlicher Kontrolle stehen. Es wird aber trotzdem gekämpft, im letzten Jahr gab es wohl einige hundert Streiks, die waren aber wegen nicht vorhandener Strukturen sehr begrenzt und meist „wild“. Die Gewerkschaftsbewegung ist erheblicher Repression ausgesetzt, die bis zu Hinrichtungen reicht. In den letzten Jahren gab es größere Streiks der Teheraner Busfahrer und Bäcker, die auch eine gewisse internationale Aufmerksamkeit erreichen konnten. Leider konnten aber kaum Verbesserungen durchgesetzt werden, stattdessen sind einige Aktivisten noch heute inhaftiert.
Ein krasses Beispiel ist eine Reifenfabrik in der Nähe von Teheran, die Leute haben dort gestreikt und demonstriert, weil sie ihre Löhne ausbezahlt haben wollten. Daraufhin sind staatliche Aufstandsbekämpfungseinheiten aufmarschiert und haben einfach mal tausend Leute mitgenommen und zwei Tage an einem den Angehörigen unbekannten Ort festgehalten. Zuvor war Feuerwehrleuten befohlen worden, die (da noch) protestierenden Arbeiter mit heißem Wasser zu bespritzen. Dies wurde abgelehnt, weswegen noch immer einige Feuerwehrleute inhaftiert sind.
Und bei alldem muss man immer bedenken, dass die Menschen einen Präsidenten gewählt haben, der mit dem Versprechen gepunktet hat, „die Einnahmen aus dem Ölverkauf auf den Tisch des einfachen Mannes zu bringen“. Eben dieser Mensch hat nun vor ein paar Tagen in einer Rede die Anwesenheit einer „Wirtschaftsmafia“ festgestellt und kritisiert, was sogar (Zensur) in den hiesigen Zeitungen zu Diskussionen führt. Da gibt es also eine Gruppe von Menschen, die andere in kriminell anmutender Weise ausbeutet und sich um deren Leben einen Dreck kümmert? Na so was, und das im Kapitalismus? Kann man ja kaum glauben. Und dann als Präsident des Staates, der das Fortbestehen eben dieses Systems garantiert, so was von sich zu geben, tja, das wäre - mal wieder - lustig, wenn es nicht so traurig wäre.
Das alles hat mit Islam(ismus) nichts zu tun, das ist einfach nur Kapitalismus ohne Schutzgesetze oder Organisationen für diejenigen, die mit ihrer Arbeit dafür sorgen, dass der Laden am laufen bleibt. Nicht, dass ich jetzt Hartz4 oder den DGB als Schritte auf dem Weg zur Emanzipation der Menschheit betrachten würde, aber hier müsste man halt leider selbst noch darüber froh sein.
So, naja, jetzt hab ich’s mal wieder nicht geschafft, mal etwas zur nationalen Psyche zu schreiben, was ich eigentlich vorhatte. Ein andermal. Ich flieg übrigens nun am 15.6. zurück nach Hamburg. Man sieht sich dann.
Mittwoch, 9. April 2008
Frohes Neues
Ein fröhliches Hallo miteinander, eigentlich wollte ich diesen Eintrag schon längst und lange geschrieben haben, naja, kennt man ja, entweder kommt wirklich was dazwischen oder man steht sich mit seiner eigenen Hängerigkeit selbst im Weg.
Pünktlich wie die Maurer und dicht wie n Schlosser
Aber gut, ich werd mal an den letzten Beitrag anknüpfen, dazu muss ich die Geschichte mit den Handwerkern nochmal aufrollen, die ja bekanntlich unser Bad neu gefließt haben, vor etwa fünf Wochen. Zunächst mal hatten sie sich um acht angekündigt, kamen aber um zehn, was mir zwei leidvolle verkaterte Stunden des Wachseins bescherte. Dann wurden auch recht bald knapp drei Stunden Mittagspause gemacht um dann gegen halb fünf genüsslich den Feierabend einzuleiten. Dann wurde mir eröffnet, dass am nächsten Tag ja islamischer Feiertag sei und danach Freitag und insofern könnten sie erst in drei Tagen weitermachen. Schönes Ding, dachte ich mir und fuhr erstmal in den Urlaub, aber zuvor musste ich mir mit den Jungs noch Folgendes geben: Die hatten die ganze Zeit versucht, mit mir irgendwelchen Smalltalk zu führen, auf den ich wegen meines Zustandes keine Lust hatte. Als sie dann noch meinten, das Thema Religion anschneiden zu müssen, hab ich mir gedacht, Ulf, dachte ich mir, das musst du jetzt zügig und bestimmt unterbinden. Zu diesem Zweck warf ich ihnen dann also an den Kopf, dass ich nicht an Gott glaube und auf den ganzen Religionskram nicht so gut kann. War die falsche Strategie. Statt meiner Ruhe hatte ich jetzt zwei leicht aufgebrachte und missionierungsgeile Menschen vor mir, die etwa eine halbe Stunde lang meinten, mir ihr vulgärtheologisches Weltverständnis erläutern zu müssen. Geendet ist das dann damit, dass sie sich weigerten, mir zum Abschied ihre Hand zu geben – konnte ich aufgrund ihrer antisemitischen Ausfälle und des Drecks und Blutes an ihren Händen auch drauf verzichten. Und dann sind sie noch zu meinem Nachbarn gegangen und haben gepetzt, dass ich ein Ungläubiger bin. Leider hat aber bisher noch niemand ein Schild „Kauft nicht beim Ungläubigen“ angebracht, dann würde mich vielleicht endlich mal niemand mehr morgens aus dem Schlaf klingeln, weil er meint, dass in meiner Wohnung eine Versicherung, eine Musikschule oder sonst was untergebracht wäre. Ach so, das Bad ist wieder fit, allerdings haben sie die Tür halb und einen Wasserhahn ganz geschrottet.
Wie gesagt bin ich dann erstmal mit Paddy und zwei Mädels weggefahren und zwar nach Ghazvin. Das ist ziemlich nah bei Teheran, gilt als ganz nett und unheimlich schwul. Nun ja, weder fanden wir die Stadt besonders nett, noch haben sich bei jedem männlichen Bückvorgang unsererseits Schlangen penetrierungsbereiter Ghazwiner gebildet, war aber auch Freitag. In Ghazvin war irgendwie alles zu und nichts los, aber irgendwann haben wir dann doch den Zuschauermagneten ausfindig gemacht: So ne richtig schöne Militärshow mit Panzern, Flugzeugen, Raketen, Bomben und allem, was das Herz begeht. Und als guter iranischer Familienvater ist man dann natürlich auch nicht so und setzt seinen dreijährigen Sprössling auch gern mal auf so nen Panzer drauf, ist ja für die gute Sache. Drumherum wurde massiv gepicknickt und uns ist dann irgendwie auch nichts Besseres mehr eingefallen, als uns ein Eis zu kaufen und uns auch hinzusetzen.
Am nächsten Tag wurde dann aber alles besser, wir sind nach Alamut gefahren, das ist im Prinzip ein sehr großes und sehr zerklüftetes Tal, das von ziemlich hohen Bergen eingerahmt und sehr schön ist. Seinerzeit hat sich da auch der gute Hassan Sabah mit seinen Assassinen festgesetzt und von da aus, gewissermaßen den Terror erfunden oder zumindest den Auftragsmord perfektioniert. Da sind wir einen Tag lang rumgelaufen und haben uns an der Landschaft und der guten Luft erfreut.
Wenn Wählen etwas ändern würde,…
Vor rund vier Wochen gabs hier Wahlen, dabei ging es darum, ein neues Parlament zu ermitteln, good ol Ahmadinejad stand nicht zur Disposition. Der ganze Spaß lässt sich so zusammenfassen: Zunächst hat das Parlament eh keine direkte Macht, weil der vom Revolutionsführer Khamenei zusammengestellte Wächterrat jedes Gesetz kassieren kann und dies auch tut, wenn er das möchte. Dafür kann man sich im Parlament zumindest etwas präsentieren und schöne Reden halten und wenn man gute Connections hat und das ganze richtig angeht, kriegt man vielleicht auch mal ein Gesetz durch.
Genannter Wächterrat hat nun noch eine Kompetenz und das ist die Prüfung aller Kandidaten für die Parlamentswahl. Alle, die irgendwie als unmoralisch oder zuwenig islamisch eingestuft werden, fliegen. Das waren dieses Mal dann halt ein Großteil der Kandidaten der Opposition, was dazu führte, dass diese überhaupt nur in 30 Prozent der Wahlkreise am Start waren, sie also auf keinen Fall gewinnen konnten. Letztlich haben sie sich wohl leicht steigern können und sind nun mit so 50 Abgeordneten (von 270) im Parlament drin. Ist alles noch nicht endgültig, demnächst sind in einigen Wahlkreisen noch Stichwahlen.
Unter diesen Bedingungen ist dann natürlich Nichtwählen erste Bürgerpflicht, die auch in Nordteheran gut erfüllt wurde, von meinen FreundInnen ist so gut wie niemand wählen gegangen und als ich mal beim Wahllokal vorbeischaute, sah ich dort einfach niemanden. In Systemen wie dem Deutschen, kann man ja noch drüber diskutieren zu wählen, um zum Beispiel die Atomkraft loszuwerden oder Nazis im Parlament zu verhindern. Aber hier sieht das halt ein bisschen anders aus, hier hat man die schlimmste der wählbaren Gruppen an der Macht, die sich dort nun einnistet und die Abgabe einer Stimme ändert daran überhaupt nichts. Außerdem hat Khamenei, der Oberchef, dazu aufgerufen, wählen zu gehen, die wollten gern eine hohe Beteiligung, um sie als Zeichen eines Rückhaltes in der Bevölkerung zu deuten. Also, klare Sache, müsste auch für CDU-Wähler nachvollziehbar sein, Verweigerung ist hier die beste Option.
Offiziell haben übrigens angeblich 60 Prozent der Leute gewählt, kommt mir sehr hoch vor, aber wie schon gesagt, mein Umfeld ist alles andere als repräsentativ.
Das war auch noch, Neujahr! Da wird hier kräftig geböllert, wir haben aber dann ne Indoorparty doch vorgezogen und haben uns nur mal kurz raus begeben, um rituell übers Feuer zu springen, das macht man hier so, ich glaube das Feuer soll dabei alles Schlechte von einem nehmen und Kraft geben oder so.
Und dann gabs halt drei Wochen Ferien, in denen wirklich die meisten Leute Teheran verlassen und sich zu ihren Familien aufs ganze Land verteilen. Das führte einerseits dazu, dass es in Teheran relativ langweilig wurde, anderseits waren die Staus und die Luft nicht mehr ganz so schlimm. Ich hab die Zeit dann auch zum großangelegten Rumhängen sowie zum Reisen genutzt, bin bei zwei Freunden in Yazd und Kerman vorbeigefahren und hab mich bei ihren Familien einquartiert. Das war sehr nett, hab viele coole Leute kennengelernt, musste mich um nichts kümmern und hab viel Persisch gesprochen.
Vor einer Woche kam ich dann zurück nach Teheran und dachte mir, dauert ja noch, bis das Semester wieder losgeht, kannst also noch chillen. Aber Pustekuchen, als ich dann doch mal zum Institut gegangen bin, wurde mir erklärt, dass alle anderen Kurse erst später anfangen, meiner aber schon ein paar Tage läuft. Und nun häng ich also in einem Literaturkurs, den ich bisher ganz gut schwer finde, aber ich war erst zweimal da und will mal nicht vorschnell urteilen.
Mittlerweile sind die ganzen Deutschen, mit denen ich hergekommen bin, wieder nach Hause gefahren. Dafür wohn ich vorübergehend grad mit vier Engländern zusammen, wir haben drei Freunden von Will, dessen Schicksal im letzten Eintrag dargestellt wurde, Asyl gewährt.
Ich mach immer noch mein Praktikum, ich soll vor allem zum Thema Jugendarbeitslosigkeit recherchieren und ein wenig zuarbeiten. Ich finds aber ehrlich gesagt grad nicht so den Hammer und bin auch entsprechend mäßig motiviert.
Und um mal kurz auf die häufig gestellte Frage danach, wann ich denn wiederkomme, zu antworten: Mitte Juni werd ich wieder in Deutschland sein, was dann so ganz genau passiert, weiß ich noch nicht, ich bewerb mich grad für Praktika, wird sicherlich ein bisschen arbeiten, bisschen chillen und mich sicherlich auch ein wenig durch Deutschland bewegen. Also, Ulf Brennecke, frisch kulturgeschockt, ab Mitte Juni vielleicht auch in deiner Stadt! Wir sehen uns dann backstage.
Donnerstag, 6. März 2008
Trauer und Heiligkeit
Guten Tag allerseits, ich sitz grad mit nem mittelschweren Kater in meiner Wohnung rum und betreu Handwerker, die unter nicht unerheblichem Geräuschausstoß unser Bad neu fliesen. Zu diesem Zweck bin ich im Übrigen um acht Uhr morgens aufgestanden und das am Wochenende! Nun ja, ansonsten hat sich so manches getan in den letzten Wochen und ich habe ehrlich gesagt nicht das Gefühl, dass dies ein besonders gut strukturierter Eintrag zu werden verspricht.
Heilig!? -Laaaangweilig
Altbewährtes Thema zum Einstieg: Reisen. Ich war mal übers Wochenende in Mashhad, das ist so eine ganz arg heilige Stadt im Nordosten des Landes, dort befindet sich das Grabmal von Imam Reza. Ebendieses hat es auch wirklich in sich, ist im Prinzip einfach eine Riesenmoschee und wusste zu gefallen, vor allem, weil wir überhaupt reingekommen sind, ist normal für Nichtmuslime immer etwas schwierig. Naja, um es kurz zu machen, ansonsten gabs in Mashhad absolut nichts, was dafür sprach noch länger zu bleiben – außer den Nussmilchshakes vielleicht – und so fuhren wir dann nach anderthalb Tagen etwas früher als geplant zurück.
Ein Grund zum Trauern findet sich immer
Vielleicht habt ihrs schon mal irgendwo gelesen, der Schiit als solcher trauert gern und häufig. Gefühlt gibt es etwa einmal im Monat irgendeinen Feiertag oder eben Trauertag zu Ehren eines Imam, der Islamischen Revolution, der Rückkehr Khomeinis und anderer Scheußlichkeiten. Bei den größeren Anlässen hab ich mich auch mal unters Volk gemischt. Schon vor ungefähr zwei Monaten war Ashura, das zentrale schiitische Datum. Der gute Imam Hossein hat sich nämlich seinerzeit mit einer Schar von 80 Leuten oder so von einer mehrere tausend Mann starken Armee niedermetzeln lassen, statt einfach aufzugeben. Was ich irgendwo zwischen dumm und übermotiviert ansiedeln würde, wird hier nun eben als heldenhaft und konsequent abgefeiert und so gibt es dann eine Woche lang Verschiedenes rund um Ashura für die ganze Familie. Es gibt Zelt- und Straßentheater wo genanntes Geschehen nochmal hochdramatisch und mit bunten Kostümen nachgespielt wird und abends geht’s dann ab in die Moschee, wo stundenlang gemeinsam geheult wird, kein Witz, ich persönlich war aber nach ner halben Stunde weitestgehend bedient.
Und irgendwann kommt dann das große Spektakel, überall im Iran gibt es dann große Umzüge, das ganze hat eigentlich eher Karnevalsflavour, man freut sich, unterhält sich ein bisschen mit den Nachbarn und schaut sich das Treiben an. Ein Teil der Männer läuft dann in diesem Umzug mit und schlägt sich fröhlich mit der Faust oder auch mit Ketten auf die Brust, in etwa um zu zeigen, dass man auch ohne gegnerische Armee in der Lage ist, unnötige Schmerzen zu erleiden. Aber zu meiner Enttäuschung schlagen die sich doch nur sehr sachte, ich wollte eigentlich Blut sehen, na ja. Im Nordwesten vom Iran gibt’s auch so ganz clevere Kerle, die sich noch ganz oldschool einen Tag lang mit irgendwas auf den Kopf schlagen, bis sie irgendwann ne schöne Beule haben, die man dann effektvoll per gezieltem Messerstich platzen lässt. Riesenspaß von 8-88 würd ich sagen und schließlich ist´s ja für den guten alten Hossein.
Den Tag der Rückkehr Khomeinis lass ich mal aus, da war ich im Urlaub, aber als wir wiederkamen hingen hier noch ziemlich viele tatsächlich auch recht stylische Plakate.
Vor zwei, drei Wochen war dann der Tag der Islamischen Revolution. Das ist natürlich ne finstere Sache, da sammeln sich dann alle Freaks auf einem großen Platz in Teheran und gönnen sich Reden von politischen Führungspersönlichkeiten. Zu meiner Enttäuschung war es da echt ganz schön voll, sicherlich einige Hunderttausend. Enttäuschend aus zweierlei Gründen, zum einen ist es natürlich schade, dass zu so einem Quatsch so viele Leute hingehen und zum anderen konnte ich die Rede vom guten alten Ahmadinejad zwar hören, ihn aber nicht sehen. Aus meinen gesammelten Eindrücke, die mir durch Reden, Plakate und Parolen eingeflößt wurden ergibt sich aus Sicht der Leute da ungefähr folgendes Ranking, angefangen bei saugut runter zu mega uncool: Iran, Islamische Revolution, Islam, Atomenergie, Hisbollah, Sachen exportieren, IAEA, Sicherheitsrat, USA, Israel
Ich bin schon prinzipiell dafür, Ahmadinejad nicht zu sehr zu verniedlichen, aber teilweise bewegt sich der Gute halt schon zwischen Kindergarten und Gigantomanie, der Sicherheitsrat könne „noch hundert Resolutionen erlassen“, dass kratze ihn mal gar nicht und bei seiner Rede hat er bestimmt eine halbe Minute in dem ihm eigenen feierlich-lächerlichen Tonfall über die tollen Getreideexporte des Iran schwadroniert.
Die Flucht des Spion
Eine der krassesten Sachen, die in letzter Zeit passiert sind, ist auf jeden Fall der Abgang von Will. Ist ne lange Geschichte, ich versuch sie mal, etwas zu raffen. Will, ein englischer Freund von mir, 20 Jahre alt, dem aufmerksamen Leser noch aus der Anekdote „Nachts betrunken Schwimmen in Teheran“ bekannt, musste vor einigen Wochen außerplanmäßig zu dem Typ von der Visabehörde, der von ihm dann die Nummern und Adressen aller seiner Freunde haben wollte. Das hat er verweigert, daraufhin bekam er eine Vorladung zum Geheimdienst, wobei man vermuten kann, dass die genau das gleiche von ihm wollten. Er kann die Namen und Adressen aber einfach nicht rausgeben, das wäre gerade für die IranerInnen viel zu gefährlich. Die englische Botschaft hat ihm daraufhin geraten, das Land vor diesem Termin zu verlassen, was er nun gestern getan hat. Da er mehr oder weniger freiwillig gegangen ist, hat er jetzt noch eine reelle Chance wieder reinzukommen, was bei einem Rausschmiss wohl erstmal nicht mehr drin gewesen wäre.
Das krasse daran ist, dass er hier wirklich keinerlei politische Aktivitäten entfaltet hat. Man muss dazu wissen, dass England und EngländerInnen hierzulande für die Verkörperung des absoluten Bösen gehalten werden. In den außerordentlich mannigfaltigen Verschwörungstheorien, die hier grassieren, sitzt am höchsten Kontrollhebel eigentlich meist England.
Naja, wie gesagt, man hofft, dass er bald wiederkommt, aber jetzt ist´s auch erstmal gut, denn die letzten Abende wurde man permanent dazu genötigt, sich zu betrinken, was bei mir nun doch zu einer gewissen Erschöpfung geführt hat.
Sonstige Kindereien
Was sonst noch geschah: wir hatten in der WG ziemlichen Streit. Die Details sind wohl nicht so interessant, letztlich war es eine der lächerlichsten Aktionen, die ich in den letzten Jahren direkt miterlebt habe. Britt hat auf jeden Fall zuletzt nur noch das allernötigste mit mir geredet und vor ein paar Tagen ist sie dann ohne Ankündigung oder Verabschiedung einfach mal ausgezogen. Nun ja, letztlich ein tragbarer Verlust, jetzt wohn ich mit Paddy, einem 21-jährigen Engländer zusammen. Macht bisher viel Spaß und knüpft in vielerlei Hinsicht an die Ära Einar an.
Neulich habe ich an der Straße auf ein Taxi gewartet, neben mir stand ein sehr alter Mann. Im dann kommenden Taxi war nur noch ein Platz frei, ich ließ ihm den Vortritt, er näherte sich dem Auto, steckte den Kopf rein und kam dann wieder zurück, um mir zu sagen: Ich wollte ja einsteigen, aber da saß ein Mulla drin, da hatte ich keinen bock drauf.
Die Mutter einer Freundin von mir, bei der ich jüngst zum Essen eingeladen war, ist ein wenig esoterisch angehaucht. Sie fragte mich, ob ich an Seelenwanderung glaube, mein klares nein wurde einfach überhört und schon gings los mit der Analyse des Ulf Brennecke, ausgehend von seinem Namen, der Kopfform und dem Geburtsdatum: Ich bin ruhig, doch in mir brodelt es, wenn mich jemand anlabert, geh ich weg, ich bin sehr weise und extrem potent. Und dann das Beste, in meinem früheren Leben war ich einer von diesen amish people und bin dann als amerikanischer Soldat im Zweiten Weltkrieg in Deutschland gefallen.
Ich war zum ersten Mal überhaupt Skifahren, hat mir tatsächlich einen Riesenspaß bereitet. Ich hab natürlich gleich mal auf Kurse und Einführungen verzichtet, mir kurz von nem Freund das Wichtigste erklären lassen und ab ging der Peter. Es gab einige hochspektakuläre Stürze, aber ich bin den Berg im Großen und Ganzen doch einigermaßen gut runtergekommen.
An Sonnencreme hat dabei natürlich wieder keiner gedacht, weswegen einige Leute jetzt echt n bisschen witzig aussehen. Ich hab mir zwar auch unübertrieben den schlimmsten Sonnenbrand meines Lebens geholt, sah aber nach durchstandenem Pellvorgang eigentlich wieder ganz zivilisiert aus. Nur jetzt hat sich meine blöde sensible Haut mal wieder bemerkbar gemacht und in meinem Gesicht prangt etwas, das die Hautärztin tabkhal nannte, was soviel wie Fiebermal heißt, . Man darf gespannt sein, wie sich das entwickelt.
In diesem Sinne zunächst Mal Alles Gute in die weite Welt hinaus.
Dienstag, 5. Februar 2008
queshm, politik
Der Salon zeigt unerwartete Partyqualitäten
Am 10.1. feierten wir hier bei uns Einars und Michels Geburtstag. Nach dem Sylvesterdebakel gab es bei den Veranstaltern und Bewohnern gewisse Befürchtungen, die sich aber nicht bewahrheiteten. Die Party war rauschend und berauschend zugleich, das Krasseste war wohl der ungeahnte Frauenanteil, bei einer Zählung irgendwann vor Mitternacht kam man auf ein Verhältnis von 19:5, yeah! Ängste vor wütenden Nachbarn oder bestechungsgeilen Moralwächtern waren glücklicherweise unbegründet, lief alles reibungslos, außer dass meine tolle Box für unterwegs ein bisschen was abbekommen hat, da irgendeine Expertin ihr Getränk über den Techniktisch geleert hat. Ach so, Fotos von diesem Ereignis und anderen schönen Dingen gibt’s dann demnächst enshallah bei kaioo.
Ab in den Süden…
…hieß es dann vor gut einer Woche nochmals. Um der anhaltenden grauen Teheraner Matschkälte einmal mehr zu entfliehen beschlossen wir, Simon, Claudia, Agnes und ich, da weiterzumachen, wo zumindest Simon und ich kürzlich stehen geblieben waren, nämlich beim Bereisen des Persischen Golfes, bzw. der Küste zum Indischen Ozean. Eigentlich wollte ich ganz woanders, so Richtung Türkei, hingefahren sein, aber Gerüchte von Temperaturen um -20 Grad ließen mich dann davon Abstand nehmen. Naja, ich werd euch jetzt mal nicht zu sehr mit Städtenamen bombardieren, die eh niemandem was sagen, aber wir haben uns in erster Linie auf zwei Inseln namens Hormuz und Qeshm rumgetrieben. Zunächst mal zu Hormuz, die Insel liegt – Überraschung – an der Straße von Hormuz, durch die ein großer Teil – Hobbygeostrategen liefern bitte die Zahlen nach – des Erdöls vom Golf in alle Welt geliefert wird. Naja, Hormuz ist auf jeden Fall der Burner, die Leute sind da einfach n u r am Auschillen. Und wahrscheinlich haben die seit Jahren keine AusländerInnen mehr gesehen, aber abgesehen von einigen Kiddies ist ihnen das auch mal völlig egal. Da chillt man doch lieber am Strand oder sitzt halt einfach nur irgendwo rum, umgeben von den zahlreichen Ziegen, die zwar etwas streng riechen, aber anscheinend auch Bürgerrechte genießen. Ein paar Leute waren gerade am Fischen, aber das wurde auch betont locker angegangen.
Naja, da waren wir aber nur ein paar Stunden, danach sind wir zu unserem Hauptziel nach Qeshm übergesetzt. Der Lonely Planet nennt diese Insel poor man´s Kish, die aufmerksame Leserin erinnert sich vielleicht noch, auf der Insel war ich irgendwann im Dezember mal. Dort angekommen machte der ganze Laden eigentlich zunächst nen ganz soliden Eindruck, Probleme gabs dann aber bei der Unterbringung, aus unerklärlichen Gründen war einfach alles voll. Unser kundiger, einheimischer Taxifahrer konnte dann Licht ins Dunkel bringen, die Hotels waren alle wegen dem iranischen Neujahrsfest in sieben Wochen ausgebucht. Dieser Zusammenhang erschloss sich uns zunächst nicht, mit der Zeit wurde aber klar: Die ganzen Psychoiraner fahren sieben Wochen vorm Neujahrsfest nach Qeshm, um sich dort mit Geschenken einzudecken. Auf spätere Nachfrage hin erfuhren wir dann übrigens, dass es dort eigentlich nichts Besonderes zu kaufen gibt, nur sind dort die gefälschten chinesischen Sachen angeblich etwas billiger. So sah man dann auch ständig Leute, die mit ihren acht Säcken, Kisten und Koffern voller Spitzengeschenke irgendwie Assoziationen zu diesem unsäglichen „Gute Heimreise“-Plakat von der NPD weckten.
Nun gut, nach diversen Fehlschlägen wurden wir dann zu einer Witwe gekarrt, in deren Haus wir dann wohnten, sie ging für die drei Tage nach nebenan zu ihrer Schwiegermutter. Und so bekamen wir dann mal einen Einblick in so ein südiranisches Familienleben: Die Frau, Fateme, ist mit 21 verwitwet und hatte zu dem Zeitpunkt schon drei Kinder. Als Witwe und dann auch noch mit drei Töchtern, hat sie dort eigentlich keine Chance, wieder eine Ehe einzugehen. Die älteste Tochter ist 17, verheiratet und hat ein Kind, die nächste ist fünfzehn, verlobt und wird in zwei Jahren ihren sechs Jahre älteren Cousin heiraten. Das ist natürlich ganz, ganz schlimm, aber die haben sich zumindest äußerlich nicht anmerken lassen, dass sie das stören würde. Sie kennen wahrscheinlich auch nichts anderes und fanden uns unverheiratete Mittzwanziger vermutlich genauso strange wie wir sie.
Naja, ansonsten ist Qeshm staubig, zerklüftet und von zerfallenen kleinen Städtchen durchsetzt. War interessant und hat Spaß gemacht, aber ist schon eher Iran für Fortgeschrittene. Einen Tag lang sind wir dann halt immer per Anhalter, oft auf der Ladefläche von Pick-ups über die Insel getourt und haben uns etwas umgeschaut und sogar ein einsames Plätzchen zum Baden gefunden.
„Gerechtigkeit ist das wichtigste Bedürfnis der Menschheit“ (Regierungsplakat in Teheran)
So, und nun mal ein gewaltiger Themensprung hin zur Politik, diese beschäftigt mich nämlich gerade sehr. Irgendwie ist das alles sehr unwirklich. Ich sitze hier in meinem Zimmer, lese viel über Wertkritik und Queer Studies und um mich herum geschieht sonst was. Dieses Jahr sind schon zig Menschen hingerichtet worden, manche davon in einem berüchtigten Gefängnis, das vielleicht fünf Kilometer von mir entfernt ist. Wenn ich mich aber nicht im Internet auf deutschen und amerikanischen Seiten darüber kundig machen würde, hätte ich davon keinen Schimmer. Das einzige was ich wirklich direkt mirbekomme sind diese Vögel, die Frauen wegen ihrer Kleidung einsacken und das ist im Vergleich zu Hinrichtungen natürlich gar nichts. Vor einigen Wochen gab es eine StudentInnendemo, davon hab ich auch erst nachträglich im Internet erfahren. 30 Leute sitzen jetzt noch im Knast, teilweise haben ihre Angehörigen keine Ahnung, wo sie sind und wie es ihnen geht. Ein Jurastudent ist gestorben, vermutlich in Folge von Folter, der wurde schnellstmöglich ohne Benachrichtigung der Verwandten beigesetzt und die konnten sich dann den Totenschein abholen. Folgendes Zitat aus einer auf der Demo gehaltenen Rede möchte ich euch nicht vorenthalten:
„Heute zeigt sich der Faschismus im Gewand der Religion. Wir spüren die Stiefel der Faschisten auf unseren Kehlen. Aber die Herrschenden täuschen sich. Es wird ihnen nicht gelingen, unseren Widerstand zu brechen.“
Das Problem ist nur, dass der Widerstand in der Breite längst gebrochen ist und das seit Mitte der 80er Jahre als nach der Revolution die verschiedenen an selbiger beteiligten Gruppen nach und nach von der Khomeini-Clique per Massenmord aus dem Weg geräumt wurden. Seitdem ist der Preis, der für wirklichen Widerstand gezahlt werden muss, zumindest umrissen. Ich hab in Deutschland soviel von der iranischen Zivilgesellschaft gelesen, von NGOs, die insgeheim subversive Arbeit betreiben würden. Vielleicht sind sie da, aber ich sehe sie nicht, klar, ich bin hier natürlich nicht voll drinnen, aber die meisten Leute hier haben von den Organisationen, die ich ihnen nenne, noch nie etwas gehört. Hier herrscht im Wesentlichen Resignation und innere oder auch wirkliche Emigration. Ich steh grad etwas ratlos vor der Frage, wie sich denn hier mal was ändern soll, also zum Positiven, das es noch schlechter geht, wird hier ja ständig unter Beweis gestellt.
Bald sind Parlamentswahlen, bisher sind 2.000 reformorientierte Kandidaten ausgeschlossen worden. In einigen Fällen sind Mullas – die sind auch eine heterogene Gruppe und nicht alle faschistoid, wie es der Begriff „Mullastaat“ suggeriert – nicht zugelassen worden, weil sie unislamisch seien. Auf die Frage, wie denn ein Geistlicher irreligiös sein könne wurde geantwortet: In diesem Land wird kein Unterschied zwischen Geistlichen und Nicht-Geistlichen gemacht. Wenn das nicht so traurig wäre, könnte man schallend darüber lachen. Das Spektrum, das zur Wahl steht, ist ein Witz, man kann entweder radikal-vulgär-islamistisch wählen – also die jetzige Regierung – oder die Reformer, Gemäßigten, Pragmatiker oder wie man sie nennen will. Da kauft man aber auch die Katze im Sack, denn mittlerweile ist auch Herr Rafsanjani Teil dieses Bündnisses, einer der reichsten und einflussreichsten Männer des Landes, der sich in der Vergangenheit auch gern mal durch Auftragsmorde zu profilieren wusste. Und so sehr ich den Leuten hier auch eine etwas gemäßigtere Regierung wünschen würde, die zum Beispiel nicht – wie vor zwei Wochen geschehen – eines der wichtigsten feministischen Magazine verbietet, weil es ein zu düsteres Bild des Iran zeichne, so muss man doch auch einfach erkennen, dass die Reformer von 1997-2005 „regiert“ haben und gescheitert sind. Dieses System mit seinen islamischen und islamistischen Dogmen und seinen undemokratischen Machtzentren – Expertenrat, Revolutionsführer, Wächterrat, Stiftungen, Basiji, Pasdaran,… - ist nicht reformierbar, die Brutalität des Systems lässt sich höchstens graduell eindämmen. „Regiert“ daher auch in Anführungszeichen, die gewählten Vertreter müssen permanent gegen diese Zentren anregieren und sich ihnen oftmals beugen.
Klingt düster, ist es auch. Ich würd mich über Rückmeldungen freuen, ob euch dieses politische Zeugs interessiert, also wollt ihr lieber lesen, wie ich betrunken irgendwo reinfall oder wie irgendwelche Leute gehängt werden?
Mittwoch, 9. Januar 2008
Feiertage, Wetter, Repression
Hallihallo,
ich bins mal wieder mit ein paar Neuigkeiten. In der letzten Woche hab ich ziemlich viel rumgegammelt, irgendwie ging nicht so richtig viel. Was ich dabei besonders problematisch fand war, dass ich zwar ne Menge iranischer Nummern in meinem Handy hatte, aber irgendwie keine gesteigerte Lust empfand, irgendeine davon zu wählen. Leider ist es so, dass viele meiner TandempartnerInnen irgendwie schon ganz nette Menschen sind, aber nicht auf meiner Wellenlänge liegen und/oder nicht viel zu erzählen haben. Das hat jetzt weniger was mit der kulturell-lebensweltlichen Inkompatibilität westlicher und östlicher Seelen zu tun, ich hab da einfach nicht so richtig viel Glück gehabt. Alireza zum Beispiel war echt n Guter, aber der studiert jetzt halt in Deutschland. Naja, aber das klingt jetzt gleich nach viel Blues, ist es aber nicht, denn in den letzten Tagen hat sich das Blatt doch irgendwie gewendet, und sei es nur gefühlt. Ich hab da doch mit einigen echt netten Leuten zu tun und das ist teilweise schon mehr als rein instrumentelle Tandempartnerschaft.
Und für das ewige Thema Fotos hat sich nun auch eine Lösung gefunden: In den Blog kann ich aus Gründen, die für euch nicht weiter interessant sein dürften, keine größeren Mengen stellen, dafür hab ich jetzt aber unter www.kaioo.de ein paar kleine Alben angelegt. Um da ranzukommen, muss man sich anmelden und ein Profil anlegen, das ist auch so gewollt, denn ich will, dass ihr da alle mitmacht und dem blöden Studiverzeichnis den Rücken kehrt. Wenn jemand dazu ne Frage hat, kann sie oder er sich gern an mich wenden.
So, und nun zu den wahrhaft gewichtigen Themen:
Weihnachten
Hab ich ganz nett verbracht, wir haben da weitgehend unter Deutschen so ne kleine Feier abgehalten, ziemlich viel gekocht und gegessen. Ich hab mich dabei auf nen Obstsalat beschränkt, wobei ich bei dessen Verzehr doch einige erstaunt-schockiert-angewiderte Blicke kassierte, als erwähnt wurde, dass er in der Schale serviert wurde, die normalerweise unserem Abwasch vorbehalten ist. Wir haben gejulklappt und ich hab mich noch nicht mal dem Weihnachtsliedersingen verweigert. Danach sind wir dann in den Friseursalon umgesiedelt, weil am vorherigen Ort Alkoholverbot herrschte und noch einen etwas internationaleren after show chillout veranstaltet.
Sylvester
Sylvester hat dagegen nicht so gerockt, Einar und ich haben ein paar Leute eingeladen, gekommen ist letztlich ein einziger, doch da er Iraner und ihm Sylvester folglich ziemlich egal war, ging auch dieser eine Gast um 23.00 Uhr seines Weges. Sodann verbrachten Einar und ich eine aufregende Phase des Abends mit Bauernskat, worüber wir sogar den Jahreswechsel verpeilten und dann eben erst um zehn nach anstießen. Highlight des Abends war vielleicht meine Eingebung, dass Bleigießen doch jetzt genau das Richtige sei. Mangels Blei wurde dann zunächst Wachs gegossen, was zu großen Flecken und sehr hässlichen Orakeln führte. Das dann folgende Schokoladegießen kann auch nicht guten Gewissens weiter empfohlen werden, denn mit den Brandwunden an meiner Hand werd ich wohl noch einige Zeit zu tun haben.
Baggypants und Berglandschaften
Irgendwann zwischen den Feiertagen begaben Einar und ich uns kurz entschlossen nach iranisch Kurdistan, wobei wir uns die beiden Städte Kermanshah und Sanandaj zu Gemüte führten. Auf der Hinfahrt hatte ich das Pech, eingekeilt zwischen einer Gruppe Soldaten, die wohl nicht sooft einen Ausländer zu Gesicht bekommen, zu sitzen und denen erklären zu müssen, dass man vom Handeln des Staates Israel halten kann was man will, ihre antisemitischen Weltverschwörungstheorien aber inakzeptabel sind. Naja, ich hab vor, irgendwann mal ein bisschen was über Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus im Iran zu schreiben, da komm ich dann noch mal auf die Herren zurück.
Die beiden Städte waren rein touristisch eher mittelmäßig, umso mehr wusste aber die Berglandschaft drumherum zu gefallen, dass hat schon echt was hergemacht, ich werde versuchen, ein Foto davon dranzuhängen. Ansonsten decken sich unsere – innerhalb von zwei, drei Tagen gesammelten und daher natürlich spärlichen – Eindrücke mit der Beschreibung des Lonely Planet, nämlich dass die Leute da echt ganz schön freundlich unterwegs sind. AusländerInnen sieht man dort gar nicht, aber trotzdem oder gerade deswegen, wird man fast nie nervig angequatscht. Die Provinz Kurdistan wird von der iranischen Zentralregierung übrigens in punkto Investitionen diskriminiert, weshalb sie auch sehr schwache Wirtschaftsindikatoren aufweist. Gegen kurdische Separationsbestrebungen wird brutalst vorgegangen, was sich ja auch in Deutschland beim Mykonos Anschlag gezeigt hat.
Ach so, und die traditionelle kurdische Bekleidung besteht eben unter anderem aus einer Hose, die sich am ehesten mit ner Baggy vergleichen lässt, sieht extrem cool aus, vor allem weil das da halt wirklich von zwei Dritteln der Männer getragen wird.
One of these days these boots are gonna walk all over you!
Berichtenswert ist ansonsten noch, dass die glorreiche Regierung der Islamischen Republik Iran mal wieder haarscharf den Volkswillen in Gesetzesform gegossen hat. Was sind wohl die drängenden Probleme, Abwesenheit sozialer Sicherungssysteme, viele Millionen Drogenabhängige, tausende Tote jedes Jahr durch Luftverschmutzung, zigtausende direkt durch den Verkehr, Leute haben zwei Jobs aber trotzdem keine Kohle,…? Nein, Nebensächlichkeiten, mit so was hält man sich hier gar nicht groß auf, man packt das Problem lieber gleich an der Wurzel, daher ist es Frauen seit zwei Wochen verboten, ihre Stiefel über der Hose zu tragen! Und das ist natürlich nur recht und billig, welcher rechtschaffene Mann kennt das nicht: Nach einem harten Arbeitstag für Islam und Nation möchte man schnell nach Hause zu Frau und Kind, da kreuzt auf einmal so eine obszön bestiefelte Frau auf und macht einen ganz plemplem! Natürlich heftet man in einem Akt der Verteidigung seines Rufes als guter nahöstlicher Mann sofort seinen Blick auf ihre glänzenden Glattlederstiefel und ergeht sich in den heftigsten Phantasien, was sich wohl darunter befinden möge, so dass man glatt vergisst, was sich direkt vor einem befindet, nämlich der Verkehr und dann plötzlich macht es „krach!“ und der nächste Unfall ist geschehen. Aber damit ist ja jetzt Schluss, schließlich hat der Revolutionsführer mit seinen Gehilfen erneut im letzten Moment das Steuer in Richtung strahlende Zukunft und Islam für alle herumgerissen.
Übers Wetter wird heute eh viel zu selten geredet
daher werd ich das jetzt mal in die Hand nehmen. Ne, ist halt grad recht spektakulär hier, es schneit wie nichts Gutes, morgen und übermorgen sind Schulen, Unis und Ämter dicht, weswegen auch wir zwei Tage frei haben. Claudia ist auf dem Rückweg von Kurdistan eingeschneit und musste eine Nacht in einer Schule 100 Kilometer vor Teheran verbringen, weil die Straßen nicht freigegeben waren. Eigentlich stecken überall im Land grad Leute fest, weil kaum noch Busse längere Strecken fahren, die Flughäfen sind auch dicht und selbst in Teheran ist es nun manchmal etwas schwierig, ein Taxi zu bekommen. Unter anderem musste auch das Team von Hansa Rostock einen Tag länger als geplant bleiben. Ich hab mir übrigens mit Britt das Spiel Iran – Rostock im Stadion gegönnt, war ok, 2-0 für Rostock. Auf unseren Karten stand was von VIP und wir wurden bei den zahlreichen Kontrollen ständig gefragt, ob wir Journalisten oder Botschaftsangehörige seien. Letztlich landete Britt dann wirklich in einem wohl ganz netten, überdachten Bereich, während ich im Schneeregen mein Dasein fristen musste und mir n Ei drauf backen konnte, dass ich VIP bin.
Cops can touch us
Gestern Morgen bin ich dann mit folgender SMS von einer Freundin aufgewacht: „Bist du schon erwachen? Willst du heute schnee spielen?“ Da konnte ich natürlich nicht nein sagen und so begaben wir uns in den nächsten größeren Park. Das war schon toll, zum einen hats richtig Spaß gemacht und zum anderen war es schön zu sehen, wie sich dann auch hier mal temporäre Freiräume öffnen und Männlein und Weiblein zusammen vereiste Berge runter rutschen und sich einseifen. Aber irgendwann hatte sich das sittenwidrige Treiben dann doch rumgesprochen und natürlich sind wir – 3 Mädels, 3 Jungs – auch gleich mal der Polizei ins Netz gegangen. Der Vorwand war, dass zwei Kopftücher etwas verrutscht waren. Soll vorkommen bei ner Schneeballschlacht. So denn wurden wir unter völlig übertriebenem Gebrülle vor zwei völlig übermotivierten Polizisten hergetrieben. Nachdem dann aber erklärt wurde, dass ich Ausländer und die anderen alles Freunde der Familie seien und die Herren ihren Autoritätsflash ausgelebt hatten, konnten wir dann doch unseres Weges gehen, ohne dass unsere Personalien aufgenommen worden waren. Letzteres wäre zwar nicht sehr schlimm gewesen, hätte für mich aber einige blöde Fragen bei der nächsten Visumsverlängerung nach sich gezogen.
In diesem Sinne, grüßt mir die Freiheit, bis zum nächsten Mal.
Freitag, 21. Dezember 2007
Reisen, Alk und Cops
Heyho,
so, wird ja mal wieder höchste Zeit für einen neuen Eintrag, tut mir leid, dass ich solang nichts von mir hören lassen habe. An und für sich ist hier auch alles beim Alten, ich wohne immer noch mit coolen Leuten in einer schlechten Wohnung, mach meinen Sprachkurs und glücklicherweise auch Fortschritte. Ich fühle mich wohl und mittlerweile ist auch immer öfter mal was los, Langeweile kommt also nicht mehr allzu oft auf, noch seltener ist – glücklicherweise – Stress.
Dirty South
Ich werd mal mit einer kurzen Beschreibung unseres – Simon, Michel, Einar und, falls das jemandem weiterhilft – Trips an den Persischen Golf. Ziel war dabei die Ferieninsel Kish sowie der Weg als solcher, denn wir hatten uns nicht für die Touri-Variante von Teheran aus mit dem Flugzeug entschieden, sondern hatten den etwas langwierigeren Landweg angetreten. So fuhren wir drei oder vier Tage mit Bahn – mal wieder Nachtzug, supersatt! – und Bus mehr oder weniger am Golf entlang und machten dabei in mehreren Städten Station, die wir dann tendenziell eher oberflächlich erkundeten. Die Städte waren im Einzelnen Shush, Ahwaz, Bushehr und Bandare Langeh und obwohl es mir Spaß gemacht hat, sind die Städte an sich eigentlich nichts Besonderes. Erwähnenswert ist vielleicht, dass es da halt auch im Dezember um 25 Grad warm ist und dass teilweise wirklich erschreckend viele Spritzen rumliegen, auch gern mal am Strand. Im Süden soll es Städte geben, wo tatsächlich die Mehrheit der Erwachsenen heroinabhängig ist. Das erscheint mir zwar etwas übertrieben, aber mit Opium und Heroin geht’s da wohl schon ganz gut ab.
Welcome to the Island
Naja, nach einer Speedboat Fahrt erreichten wir dann schließlich Kish und hatten erstmal Mühe uns an die neuen Preisstandards zu gewöhnen, zuvor hatten wir nämlich immer für rund zwei Euro pro Person genächtigt. Letztlich landeten wir dann zufällig im gleichen Hotel wie (deutsche) Freunde von uns aus Teheran. Der Strand wurde erkundet und auch wenn es kaum Wellen gab, war das so rein von der Wasserfarbe her der beste Strand meines Lebens, aber gut, ich bin auch nicht gerade als Südseestammgast bekannt. Am nächsten Tag sind wir dann einmal mit dem Fahrrad um Kish rumgefahren. Zuerst waren wir voll stolz, dass wir dem überteuerten Fahrradverleih ein Schnippchen schlagen konnten und was billigeres gefunden hatten, nur stellte sich mit der Zeit immer mehr heraus, dass wir da echte Drecksräder ergattert hatten. Ich hatte noch nie solche Arschschmerzen, um es mal ganz prosaisch zu formulieren. Naja, die Tour hat etwa sechs Stunde gedauert und war gut, weil wir halt mal die ganze Insel gesehen hatten und außerdem gabs auf der anderen Seite endlich Wellen. Bei der Tour fiel auf, dass etwa ein Drittel der Insel in so ein künstliches Ferienparadies mit großen Hotels, breiten, sauberen Straßen, Palmen und – ganz wichtig für die IranerInnen – Einkaufszentren verwandelt wurde. Das ganze hat wirklich sehr an das Spielbrett von „Hotel“ erinnert und für ein paar Tage fand ich das auch ganz witzig. Der Rest der Insel sieht aus wie der größte Teil vom Iran halt aussieht, Staub, Geröllwüste und seltsame Betonanhäufungen. Irgendwie war auch grad nicht Saison – die IranerInnen chillen da wohl lieber im Sommer bie 50 Grad – und deshalb war eigentlich die ganze Insel leer, was das ganze etwas surreal gemacht hat.
Naja, nach drei Tagen hatten wir dann genug und wollten noch zu ner anderen Insel, nur war es grad windig und der Wellengang war den Verantwortlichen zu hoch, so dass einfach mal gar keine Schiffe mehr fuhren und das vielleicht für ein paar Tage. Da stiegen wir kurz entschlossen in ein Flugzeug, flogen nach Teheran und schwupps, schon war die Reise zuende.
Aber hier leben…
Ein paar Tage später hab ich dann mit Einar noch nen Tagesausflug nach Qom gestartet, das ist nur ein, zwei Stunden von Teheran entfernt, da kommt Khomeini her, es ist die zweitheiligste Stadt des Iran, weil da irgendein Imam begraben ist – IslamwissenschaftlerInnen bitte ergänzen – und auch heute werden da die meisten Mullas ausgebildet, zumindest wimmelt es da von ihnen, was Einar und mich zunächst mal zu einer Runde Mullazählen verführte, wobei er aber die überzeugendere Performance lieferte und verdient den Sieg davontrug. Wenn man einem beliebigen Nordteheraner erzählt, dass man nach Qom zu fahren gedenkt, wird dieser die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, die Welt nicht mehr verstehen und erzählen, dass man dort gern Ausländerinnereien zum Frühstück verspeist. In Wirklichkeit ist Qom wesentlich schöner und angenehmer als Teheran, zumindest im Zentrum. Gehen tut da allerdings echt nicht viel und deswegen waren wir ja schließlich in weiser Voraussicht nur für ein paar Stunden dahingefahren.
Wenn der Armenier zweimal klingelt
Ok, ich weiß, ich bin hier im Iran, alles voll interessant, Islam und so, und irgendwann gibt’s hier vielleicht auch nochmal Analysen oder gehaltvolle Informationen, aber erstmal hab ich Lust, über Trivialeres zu schreiben, deshalb mach ich an dieser Stelle mal das Alkoholfaß (hoho) auf. Durch nen iranischen Freund von mir haben wir nämlich mittlerweile ne Erste-Hand-Connecte zu nem Armenier, der uns Alkohol nach Hause liefert. Das witzige ist, dass der alles selber herstellt, das heißt man bekommt nur ziemlich komisches Zeug, dafür ist´s aber ziemlich billig und man muss von allem was man kauft immer mindestens zehn Liter abnehmen. Auf einem Bein kann man ja schließlich nicht stehen, wie Einar sagen würde.
Nun gut, neulich rief ich den guten Mann mal wieder an und bestellte erstmal gechillte zehn Liter Rotwein. Von der Antwort auf meine Frage, was er denn noch so am Start hätte, verstand ich nur die (persischen) Worte Schnaps, großartig, Rosine, zehn Liter, 28 Euro. Klar, dass ich zugriff und so stehen in unser Küche mittlerweile noch etwa zehn Liter Alkoholika rum. Der Rosinenschnaps, der halt wie ein Obstler mit Rosinengeschmack schmeckt, ist im Übrigen ein ziemliches Geschoss und hat schon das eine oder andere Opfer gefordert. Unter anderem fand ich mich in zwar nicht ganz ungewohnter, aber doch wenig alltäglicher Pose vor unserer Toilette wieder und war offenbar mit soviel Verve bei der Sache, dass ich gleich mal den Spülkasten halb abräumte. Glücklicherweise bekam Einar das in den Griff, sodass ich nicht in die Verlegenheit gebracht wurde, die ganze Sache unserem Vermieter zu erklären.
Den Vogel abgeschossen hat aber auf jeden Fall unser englischer Freund Will, der in einer wie ich finde höchst löblichen Spontanaktion beschloss, dass man ja auch mal Fünfe gerade lassen sein muss und ruhig mal nachts betrunken im Park baden gehen kann. Bis zum Wasser kamen er uns sein Freund allerdings nicht mehr, sie wurden schon vorher von den Bullen abgefangen. Die waren aber sehr nett zu ihnen und es ist nichts passiert, Stichwort Ausländerbonus
Cops can´t touch us
Alkoholisch ging es auch auf der gestrigen Party zu. Die Friseur-WG, vertreten durch mich, fuhr mal wieder mit zwei Kanistern auf. So gegen 1.30 Uhr bin ich mit drei anderen Deutschen per Taxi zurück nach Hause gefahren. Ich, Juliane und Isabel saßen hinten, Michel, der einzige wirkliche Abstinenzler wurde auf dem Beifahrersitz drapiert. Dies stellte sich alsbald als ein hochgeschickter Schachzug heraus, denn sehr bald wurden wir von einem hinter uns fahrenden Auto überholt und zum Anhalten genötigt. Fahrer und Beifahrer mussten aussteigen, die geschlossen betrunkene Rückbankbesetzung durfte samt zugehöriger Fahne sitzen bleiben. Draußen wurde etwas diskutiert, wobei Michel sich glücklicherweise an die zuvor hektisch erarbeitete Maßgabe, nur Englisch zu sprechen und einen auf Ausländer zu machen, hielt. Die Besatzung des anderen Autos war komplett in zivil unterwegs, weshalb wir uns zunächst nur wunderten, dann etwas Angst wegen unserer Trunkenheit bekamen und schließlich doch der Situation etwas Lustiges abgewinnen konnten. Die zu diesem Zeitpunkt eher ausgelassene Stimmung auf der Rückbank wurde aber dann doch deutlich getrübt, als einer von den Typen plötzlich eine für meine Begriffe ziemlich große Waffe in der Hand hatte und selbige neben uns stehend erstmal mit viel Gefühl für die richtige Pose entsicherte. Von mir war noch ein kurzes „Ok?!“ zu hören, dann wurde es erstmal still. Naja, jetzt müsste vom Spannungsbogen her ja eigentlich noch etwas passieren, wilde Schusswechsel, Ulf wirft sich in Heldenpose in den Kugelhagel, um die Damenwelt zu schützen; aber nein, plötzlich war dann doch wieder alles gut und wir durften weiterfahren. Der Taxifahrer wunderte sich dann ein wenig, dass wir doch plötzlich Persisch sprachen, aber mehr als „Die haben uns irgendwie mit wem verwechselt“ hatte er dann zur Klärung des Sachverhalts auch nicht mehr beizutragen. Und so gingen alle friedlich ins Bett und freuten sich auf einen neuen Tag voller Abenteuer in „Iran – ein grobes Land“ (das stand auf einem Stadtführer, den Simon einst entdeckte; man meinte wohl „groß“).
Ich möchte noch anmerken, dass ich leider gerade mit dem Versuch gescheitert bin, noch ein paar Bilder an den Eintrag zu klatschen. Ich werds weiter versuchen...Dienstag, 4. Dezember 2007
Urlaub statt Entführung
Ansonsten beglücke ich euch mal schnell mit zwei Fotos, als Appetithäppchen quasi, das eine spiegelt gewisse Mentalitätsunterschiede zwischen den Sprachkursteilnehmern wieder, das andere soll einfach nur cool sein. Und wie immer ende ich mit dem Versprechen: Es wird eine Zeit anbrechen, da massenhaft Fotos über euch kommen werden. Auf bald!


Dienstag, 20. November 2007
Taxi Deluxe
Wo soll ich anfangen, am besten mach ich´s mal chronologisch, der letzte Eintrag ist im Prinzip zwei Wochen alt und es hat sich einiges getan seitdem. Zuerst mal hatte ich Geburtstag und bedanke mich vorweg mal artig für die vielen Glückwünsche, die mir übermittelt wurden. An meinem Geburtstag selber war ich leider krank, deswegen ging da nicht soviel, erst abends konnte ich mich dann aufraffen noch zu nem Bekannten zu gehen, um dort etwas zu chillen und das im Iran durchaus verbreitete Getränk Wodka – alkoholfreies Bier zu mir zu nehmen. Am nächsten Tag gab es dann unverhofft ne Party bei mir in der Wohnung, zwar nicht mir zu Ehren, Spaß gemacht hat es aber trotzdem.
Du kriegst den Jungen aus dem Viertel, doch das Viertel nicht aus ihm
Ein paar Tage später schien sich dann erstmal ein Abwärtstrend anzudeuten, denn Arashs Mutter kam für ein paar Tage vorbei. Irgendwie war sie mir von Anfang an nicht wohl gesonnen, obwohl ich eigentlich keine Schandtaten verbrochen hatte. Der schwelende Konflikt kulminierte dann eines Abends, als sie mir ohne weitere Erklärungen das Telefon wegnahm, mit dem ich gerade nach Deutschland telefonierte, ohne dass sie es selbst gebraucht hätte. Am nächsten Tag kam dann die Hiobsbotschaft per SMS, Arash meinte, der Vermieter – er verwendete übrigens die Vokabel „landlord“, wenn das wirklich das normale englische Wort für Vermieter ist, dann find ich das schon n bisschen witzig – hätte rausgefunden, dass ich bei ihm wohne und wäre dann doch so sehr dagegen, dass ich möglichst schnell ausziehen muss. Aber kein Problem für Chefchecker Ulf, zwei Telefonate und schon hatte er was Neues. Nun wohne ich also mit Einar und Britt, zwei Deutschen, die ich aus dem Sprachkurs kenne, in einer Zweizimmerwohnung. Da ließe sich jetzt viel drüber schreiben, kurz gesagt ist es so: Ich fühle mich hier extrem wohl, wesentlich besser als vorher, nicht dass ich mit Arash ein Problem gehabt hätte, aber irgendwie war er nicht so auf meiner Wellenlänge. Die Wohnung ist ein ehemaliger Friseursalon – Gruß an Thomas J - liegt perfekt, zehn Minuten Fußweg zum Institut, die meisten anderen brauchen so ne halbe bis anderthalb Stunden. Ich teil mir mit Einar die eine Hälfte eines sehr großen Zimmer, die andere Hälfte ist durch nen Pseudovorhang abgetrennt und dient als Wohnzimmer. Die Wohnung ist kalt, spärlich möbliert und eigentlich müsste hier so ziemlich alles neu gemacht werden, Waschmaschine gibt’s auch nicht. Morgen treffen wir uns mit dem Vermieter und verhandeln die Miete neu, aber ich werd wohl weniger als 200 Euro zahlen, was bei dieser Lage einzigartig ist. Und bevor ich es vergesse, ich hab eine neue Telefonnummer, die da lautet: 00982122722228, da kann man mich gern drauf anrufen, am besten nicht später als 21.30 Uhr deutscher Zeit.
Und sonst so?
Also ich hab jetzt endlich mal Fußball gespielt, in einer Halle und mit fast nur Iranern. Das war ganz gut und ich dachte meine Lunge explodiert, nur sind gewisse Klischees über Südländer beim Fussball, sowohl im Verhalten als auch in der Spielweise, eben doch nicht allzu weit von der Realität entfernt, wie ich erneut feststellen durfte.
Auf ner Party war man auch mal, Gastgeber war ein echt witziger, ziemlich übertrieben tuntiger Iraner, sonst waren aber irgendwie fast nur Leute von unserem Institut da, war ganz lustig, vor allem die Rückfahrt mit fünf Betrunkenen Leuten im Taxi, inklusive Einar, der phasenweise mehr als nur halb beim Taxifahrer auf dem Schoß saß.
If You´re 18 years old or younger, please click exit
So, jetzt dann aber mal zu den guten Stories, die haben irgendwie auch immer was mit Taxi zu tun, na ja. Eines Nachmittags stieg ich also in ein Sammeltaxi, ich war der erste Kunde und ich saß hinten. Der Fahrer fing an zu fragen, was ich mache, woher ich komme, Standard. Irgendwann kam dann die Frage, wie ich so zum Thema Sex stehe, ob ich im Iran schon mal was am Start gehabt hätte. Ich meinte so, ja, Sex, gute Sache, aber im Iran bisher nicht. Dann stieg wer anders mit ein und das Gespräch verebbte. Um dann nach dessen Aussteigen aber rasant an Fahrt zu gewinnen: Ob ich schon mal was mit Männern gemacht hätte, wie ich da so zu stehe. Ich meinte ne, bisher nicht. Ich sollte da mal nicht so schüchtern sein, er sei schließlich auch schwul, preschte er dann voran. Dann kam erstmal ne Zeit nix, schließlich aber dann doch die Frage, ob wir beiden uns nicht vielleicht mal so ne Runde vergnügen sollten, sei ja kein Problem, er kenne da so´n schönes Plätzchen. Ich so ne, ich hab heute schon was vor, danke. Ab da hörte dann mein Farsi auf, weswegen er mir seine weiteren Offerten durch ausgiebige gestische Untermalungen schmackhaft zu machen suchte: Ob er mir nicht doch einen blasen solle? Oder zumindest einen wichsen? Mir ist klar, dass die LeserInnenzahl dieses Blogs wahrscheinlich schlagartig explodieren würde, wenn ich eingewilligt und daher nun mehr zu präsentieren hätte, aber bevor ich noch lange abwägen konnte – best case, ich werde durch meine schlüpfrige Geschichte berühmt und reich, worst case, ich lande beim Gang Bang mit vier Taxifahrern – waren wir dann aber auch schon am Ziel, also an meinem gewünschten Ziel, ich stieg aus und musste erstmal laut lachen. Ich hab übrigens von nem anderen Menschen, einem Engländer erfahren, dass ihm das schon dreimal passiert ist, nur dass es da leider nicht mehr so lustig war, weil er dann echt betatscht wurde und auch schon mal die Zentralverriegelung am Start war.
Ok, nächstes Ding: Man war zu einem Filmfestival gefahren, dass sich dann aber als langweilig erwiesen hatte. Auf dem Rückweg war übelster Verkehr und Taxen waren fast nicht vorhanden, schon gar keine leeren. Schließlich erbarmte sich ein Autofahrer uns mitzunehmen, also nahmen Michel und ich gemeinsam auf dem Beifahrersitz Platz, wobei mir diesmal die Rolle des auf dem Schoß Sitzenden zukam. Nun die Fahrt war lustig, man hörte saulaut iranischen Rap, was man nicht sooft tut. Irgendwann guckte ich mir den Kollegen dann mal genauer an: Schockschwerenot! Vorher hatte er seine Cap ganz tief im Gesicht gehabt und ich hatte gedacht, ich hätte sein Genuschel wegen der lauten Musik nicht verstanden, aber die brutale Wahrheit war: der Typ war einfach totenbreit! Ich würd mal auf Hasch tippen, vielleicht auch was härteres, jedenfalls hatte er keine Fahne. Man muss dazusagen, dass betrunken und zwar auch richtig betrunken Autofahren im Iran oder zumindest in Teheran zum guten Ton gehört, aber dieser Mensch ist wirklich teilweise am Steuer eingepennt oder in Trance gefallen oder was weiß ich. Ich vertrau ja nun normal wirklich jeder Pfeife, bei der ich im Auto sitze, aber diesmal war ich für meinen Schoßplatz echt dankbar, denn ich hab dem Kerl zweimal ins Lenkrad gegriffen und das war bitter nötig. Er ist dann immer aufgeschreckt und hat meinen Heldenmut mit einem Knurren quittiert oder hat halt geschimpft, dass alle anderen Fahrer komplett verrückt sind. Naja, wir sind heil angekommen und Michel hat ihm noch seine Nummer gegeben, damit er mal Bescheid sagt, wenn es ne Rap-Party gibt.
Einen schönen Gruß in den Rest der Welt schickt Ulf, der wohl sein Studium an den Nagel hängen wird, um verruchte sex´n drugs Geschichten an Boulevardblätter zu verkaufen.
Donnerstag, 8. November 2007
Wüstentrip
Naja, dann mal zum Unwesentlichen aber hoffentlich etwas Unterhaltsameren. Am Donnerstag vor drei Tagen brachen wir relativ kurzfristig zu einem Wüstentrip auf. Als ich um 8.00 morgens den Bus bestieg wusste ich eigentlich nur, dass wir in die Wüste fahren und dass der Spaß umgerechnet 30 Euro kostet. Wohin, wie lang, mit wem usw. würde sich dann schon unterwegs klären. Naja, zunächst klärte sich dann mal, dass meine schlimmste Befürchtung eintraf, wir befanden uns offensichtlich wieder in einem Partybus, bei der geneigten Leserin meiner letztjährigen Mails machts vielleicht klick: Laute, schlechte Musik wurde aufgedreht, aufgeschminkte, kopftuchlose Geschöpfe näherten sich mir, wobei sie bedrohlich die Hände über dem Kopf im 4/4-Takt zusammenschlugen. Aber gut, glücklicherweise hatte der Spuk schon nach zehn Minuten ein Ende, denn es waren nur so etwa anderthalb Tanzwütige unter den 12 Reisenden. Den Rest der Fahrt verbrachte man dann zwar im Sitzen, allerdings unter den schönen Klängen iranischer und arabischer Popmusik sowie Yeah von Usher – mit rausgeschnittenem Rappart versteht sich.
Wir hielten hier und da mal an, insgesamt ziemlich übertrieben oft, denn unser netter, junger, gut deutsch sprechender Guide musste dann doch hier und da nochmal was einkaufen. Als wir schließlich die Wüste erreichten, machte sich zunächst Ernüchterung breit, denn das war eine von diesen ätzenden Geröllwüsten, von denen der Nahe Osten echt reichlich zu bieten hat. Nach einstündiger Fahrt über Buckelpisten – nix mit Geländewagen oder so – wurde man dann aber entschädigt, die ersten vernünftigen Sanddünen boten sich unseren Augen dar und wurden sogleich bestiegen. Also ich bin zwar grad echt nicht besonders trainiert, aber es gibt ja wohl kaum was Anstrengenderes als so eine Dühne hochzulaufen. Trotzdem machte sich große Begeisterung breit, beim Dünen runterlaufen, fallen oder rollen, war schon toll. Fotos gibt’s in ein paar Tagen, ich schwör auf Koran.
Als wir letztlich an unserem Ziel ankamen herrschte unter den deutschen TeilnehmerInnen zunächst mal Fassungslosigkeit, hatten wir doch, naiv wie wir halt immer noch sind, gedacht, das Ziel dieses Ausflugs sei, eine Nacht in der Wüste abseits vom Trubel der Stadt zu verbringen. Stattdessen waren wir aber an so ner Art Ausflugsplatz gelandet, wo schon ewig viele Zelte standen, auf Stein wohlgemerkt. Im Laufe des Abends kamen dann auch immer mehr Leute, bis die Partycrowd so auf 100 Menschen angewachsen war. Die IranerInnen waren begeistert und weihten uns in ihren Plan ein, hier jetzt doch mal so richtig schön die ganze Nacht durchzumachen. Bei mir ergaben sich da spontan zwei Fragen, die ich nicht offen äußerte: Wie und warum, um Gottes Willen? Ich wollte halt echt lieber am nächsten Tag was von der Wüste sehen und mir nicht die Nacht um die Ohren schlagen, ohne ne rechte Beschäftigung zu haben.
So gegen 18.00 Uhr, die Sonne war bereits einigermaßen spektakulär untergegangen, wurde dann auch klar, warum man eigentlich da war: Es wurde in ein Zelt gebeten, in dem es Cognak (schreibt man das so?) geben sollte. Bei näherer Betrachtung stellte sich dann heraus, dass der gute „Cognak“ – selbstgmacht war er auch noch – im Wesentlichen eine etwas suspekte braune Flüssigkeit in einem 5-Liter Plastikkanister war. Man gönnte sich also erstmal n saftiges Glas voll und … es schmeckte erstaunlich gut, wenn es auch mit Cognak nichts zu tun hatte. So dann wurden in einem Höllentempo die Gläser geleert und gefüllt, solang letzteres gewünscht war. Nach Nummer drei innerhalb von ner Dreiviertelstunde bin ich dann mal lieber ausgestiegen, man wollte ja das Tagesziel „Durchmachen“ nicht aufs Spiel setzen. Nun ja, sagen wir mal, andere sahen das etwas anderes. Einer der Iraner, Omid war sein Name, war sowohl ganz vorn dabei was den Cognak anging als auch alle Leute zu sich und seiner Frau zum Essen einzuladen, wobei konsumierte Cognakmenge und Einladungsintensität eng miteinander korellierten. Nach ner Stunde wars dann irgendwie auch wieder zu Ende mit dem Alkohol und alle setzten sich ans Lagerfeuer, nach dem meine Jacke und meine Rucksack im Übrigen jetzt noch stinken.
Nach einiger Zeit vernahm man vom nahe gelegenen, künstlichen Bach doch ziemlich herzhafte Kotzgeräusche, die in den Kategorien Lautstärke und Häufigkeit zu beeindrucken wussten. Wiederum etwas später kristallisierte sich dann immer mehr heraus, dass es sich dabei wohl um den guten Omid handelte. Man hielt es in der Folge für eine gute Idee, ihn einfach mal im Ausländerzelt zu parken, wo er sich dann auch gemütlich mit allen vorhandenen Schlafsäcken und Decken zudeckte. Die iranische Argumentationslinie lief dann ungefähr so: „Haja, der hat eh nix mehr im Magen, passt schon.“ Aber nicht mit Omid. Bald drangen echt fiese Geräusche, die ich so bisher noch nie gehört hatte, aus unserem Zelt, die Reaktion war aber nicht etwa, ihn zügig daraus zu schaffen, nein, man gab ihm eine Orange zu essen. Die kotzte er natürlich auch aus, womit sich manche schüchtern aus der deutschen Gruppe heraus geäußerten Vermutungen bestätigten. Irgendwann wurde er dann zumindest mal so drapiert, dass der Kopf aus dem Zelt lugte. Man besichtigte die Arena und na ja, so schlimm war es alles nicht, zwei Wochen vorher hatte ich ungefähr die zehnfache Menge meiner eigenen Kotze beseitigt, also griff ich auch diesmal beherzt zum Tuch. Was Erwähnung finden sollte, ist, dass sich eine meiner Lebensprämissen in dieser Situation deutlich bestätigte: Erstmal chillen, dann mal gucken. Simon hatte direkt nach der Ankunft mit viel Liebe sein Nachtlager bereitet, ich hatte einfach nur mein Zeug ins Zelt beziehungsweise daneben geworfen und jetzt ratet mal, wessen Schlafsack nichts abbekommen hatte!
Wir wurden dann letztlich in ein anderes Zelt verfrachtet, weil die Durchmachfraktion eh keinen Platz brauchte. Wir sind dann doch recht früh schlafen gegangen, weil eigentlich nicht mehr viel passierte, außer das Omid echt Ausdauer und ne stabile Speiseröhre bewies, das Interessanteste waren daran aber die Geräusche, die man auch aus dem Zelt raus bewundern konnte. Es bleibt zu sagen, dass der gute Mensch wahrscheinlich weniger hätte leiden müssen, wenn die ganzen IranerInnen nicht einhellig der Meinung gewesen wären, dass es ne super Idee sei, ihm nacheinander diverse Obstsorten, Wasser, Kaffee und Schokolade einzuflößen, was er natürlich alles auskotzte. Irgendwie wurde einfach nicht eingesehen, dass wir als asozial-dekadente Europäer vielleicht n bisschen mehr Erfahrung mit absturzbreiten Leuten haben. Schließlich kam aber ein persischer Arzt, dem man vertraute und der dem Treiben ein Ende bereitete.
Schließlich schliefen wir mehr oder weniger friedlich in unserem Zelt ein, denn die Zahl der Decken war aufgrund persönlicher Versäumnisse sowie Omid-Einwirkung auf zwei für fünf Personen gesunken. Außerdem umgab uns die liebliche Geräuschkulisse lauter Menschen, eines bis in den frühen Morgen durchkotzenden Omids und der etwas psychopathischen Enten, die in besagtem Teich ihr Dasein fristeten. Wer siedelt aber auch Enten in der Wüste an!?
Am nächsten Tag ging es dann nochmal zu den Dünen und dann ab nach Hause. Insgesamt ne anstrengende, aber gute Sache.
Samstag, 27. Oktober 2007
Clubs, Frauen, Longdrinks. Nicht!
„Clubs, Frauen und Longdrinks sind der Shit…
…schade eigentlich nur, dass es so was hier nicht gibt. Tja, so langsam hat sich das wirklich zum zentralen Problem entwickelt: Hier geht gar nichts und wenn doch, dann bekomm ich davon irgendwie nichts mit. Heute ist Freitag, also quasi Sonntag, Geschaefte sind weitgehend zu und alle chillen zu Hause. Das ist in Deutschland ja auch nicht viel anders und fuer mich auch nicht weiter problematisch, bloed wird es allerdings dadurch, dass sich meine letzten Tage fast alle so abgespielt haben, was aber teilweise auch damit zusammenhing, dass ich mich nicht so gut gefuehlt habe. Naja, ich glaube allerdings, dass ich meine schlimmsten Selbstmitleidphasen mittlerweile ueberstanden habe – also nicht hier in Teheran, sondern schon vor einigen Jahren. Ich mach mir schon noch Hoffnungen, dass es hier alles noch etwas lebenswerter wird, aber nun erstmal eine Bestandsaufnahme anhand der Kategorien obigen Blumentopfzitates:
Clubs: Im Lonely Planet steht in der Kategorie „Night Clubs“ irgendwas wie „dream on…“ und das trifft es leider auch. Da Alkohol verboten ist, gibt es keine Clubs, Kneipen, Bars oder was auch immer, logisch. Was das Ganze etwas prekaer macht, ist, dass es darueberhinaus auch kaum Teehaeuser, Cafés oder sonstige Aufenthaltsorte gibt. Die wenigen Cafés, die es gibt, sind teilweise sogar fuer mich teuer, von ner Iranerin mit nicht ganz soviel Kohle mal ganz zu schweigen. Was es gibt sind massenhaft Fastfoodläden westlicher Praegung, die auch ganz ok sind, aber stellt euch mal vor, ihr chillt nen ganzen Abend bei Mc D – ok, Dani ich weiss, du faendest es spitze. In der Folge treffe ich mich also meistens mit nem Tandempartner irgendeines Geschlechts und geh mit ihm oder ihr essen und wenn man dann so gegen 20.30 Uhr doch mal so richtig einen drauf machen will, kauft man sich noch ein Eis und geht dann nach Hause.
Frauen: Ich find die persischen Frauen ziemlich scharf, da gibt’s allerdings auch andere Meinungen. Man(n) sieht halt nicht viel, selbst bei den Maedels, die sich schon viel trauen, kann man bestenfalls die Taille erkennen. Falls es jemand nicht weiss, die Frauen muessen hier alle ein Kopftuch und einen Mantel, der bis ueber die Knie reicht, tragen. Das Kopftuch rutscht natuerlich bei vielen schon mal „aus Versehen“ sehr weit nach hinten und sie haben da gewisse Tricks mit ihren Frisuren, so dass man doch eine Menge Haar sieht. Viele Iranerinnen sind hoffnungslos ueberschminkt, wesentlich schlimmer noch als in Deutschland. Ich fuehre das mal darauf zurueck, dass sie sich gern freizuegiger kleiden wuerden, da sie das nicht duerfen, gleichen sie es halt mit Make-Up aus. Statt einem Mantel sieht man auch des oefteren nen Kapu plus nen Minirock ueber der Hose, was ich schon wesentlich reizender finde. Mein Lieblingshejab war bisher aber ein XL-Miami-Heat-Trikot.
Insgesamt hat sich das politische Klima hier wohl schon seit einigen Monaten verfinstert, darauf werde ich sicher auch an anderer Stelle nochmal zurueckkommen, fuer die Frauen bedeutet es vor allem, dass es vermehrt Kontrollen von Polizei, Revolutionsgarden und was weiss ich noch fuer Kaspern gibt. An dem naechsten groesseren Platz, an dem sich etwas Leben abspielt und es tendenziell etwas lockerer zugeht, steht seit zwei Wochen permanent Polizei und wenn man fuer ein paar Minuten innehaelt, erkennt man, dass die meisten Frauen das durchaus sehen und die Strassenseite wechseln oder ihr Kopftuch zurechtruecken. Trotzdem gehen denen natuerlich noch genug Maedels ins Netz, dieses Jahr sind – wie ich aus etwas unsicherer Quelle hoerte – bereits ueber 100.000 Maedels wegen solchem Quatsch festgenommen worden. Denen passiert nicht viel, eine Moralpredigt, der Mantel wird einkassiert, vielleicht eine Geldstrafe und die Eltern muessen sie bei der Polizei abholen, aber trotzdem geht das natuerlich gar nicht klar. Ein deutsches Maedchen aus unserer Gruppe ist denen auch schon mal zum Opfer gefallen, sie hatte aber Auslaenderinnenbonus und daher wurde sie „nur“ hinter eine Hausecke gebracht, um dort ihr Kopftuch zurechtzuruecken.
Ansonsten haben hier viele junge Leute eine Beziehung und die wenigstens nehmen es wohl mit dem Sex vor der Ehe so genau. Mir wurde auch schon gesagt, dass es gar kein Problem waere, wenn ich ne iranische Freundin haette. Das mag prinzipiell auch stimmen, allerdings habe ich andererseits bei Melanie mittlerweile faktisch Hausverbot, weil ich da mal abends zu Besuch war und sich irgendein Nachbar bei der Polizei beschwert hat, der wohl unzuechtiges Treiben befuerchtete, woraufhin Melanie mit Rausschmiss gedroht wurde. Es bleibt hier einfach vieles unberechenbar, man weiss es nicht so genau und die Geschichte von dem deutschen Geschaeftsmann, gegen den nur wegen diplomatischen Druckes nicht die Todesstrafe ausgesprochen wurde, ist vielleicht auch einigen bekannt.
Longdrinks: Alkohol ist wie gesagt verboten, das heisst aber nicht, dass es keinen gibt. Ich wuerde bisher sagen, dass es sich mit der Situation bei der Grasbeschaffung in Deutschland vergleichen laesst: nicht immer ganz stressfrei, letztlich aber machbar und ungefaehrlich, irgendwer kennt wen, der wen kennt, der zu voellig ueberhoehten Preisen vertickt. Bier kostet wohl so 2,50 bis 6 Euro pro Dose, ne Flasche (guter) Wodka kostet 20-25 Euro, billiger ist Araq, haeufig auch mal selbstgebrannter Schnaps, der fuerchterlich schmecken soll und der manchmal so stark gepanscht ist, dass schon Leute dran erblindet sind. Arash hat auch nen ganz guten Vorrat an Wodka, ich hab bisher allerdings nur einmal einen getrunken.
Das Fazit faellt ernuechternd aus, ich langweile mich teilweise und hedonistische Genuesse sind schwer zu erlangen. Der Ausblick ist dafuer positiver, wenn auch vielleicht etwas zwangsoptimistisch. Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass es noch besser werden wird, ich lerne Leute kennen, von denen viele auch echt cool sind und irgendwann wir da wohl auch mal jemand ne Party machen. Ansonsten muss der Berg halt zum Propheten kommen, ich hab ja bald Geburtstag, wie mir gestern aufgefallen ist. Ausserdem faengt morgen der Intensivkurs an, das ist zwar kein „hedonistischer Genuss“, um mich mal selbst zu zitieren, aber ich hab dann etwas mehr zu tun, fuenf mal die Woche zweieinhalb Stunden Unterricht, auch wenn wir zunaechst mal exakt das Gleiche machen werden, wie im Kurs davor. Das bedeutet – ich hab´s mal ueberschlagen – etwa 13 Stunden toedlichste Langeweile, denn der Stoff war schon beim ersten Durchgang nicht eben spannend. Ansonsten habe ich auch immer noch nicht die Hoffnung aufgegeben, dass die bisher aeusserst schleppend verlaufende Suche nach einem Fussballverein am Ende doch noch Fruechte tragen wird. Und das wochenendliche Reisen werde ich wohl auch wieder aufnehmen, ich hatte irgendwann mal das Gesetz formuliert, dass ein Mensch nicht laenger als zwei Wochen am Stueck in Teheran bleiben sollte, daran werde ich mich versuchen zu halten. Also, die Hoffnung stirbt zuletzt und so.